Smartphone- ein Instrument, kein Familienmitglied

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Weil das ferngesteuerte Auto und die Puppe frische Luft brauchen, gehen wir jetzt häufig in deren Begleitung spazieren. Die Maus kümmert sich sehr um das Wohlbefinden ihres Babys und sorgt für tägliche Ausflüge ins Freie. Sie hat auch festgestellt, dass das Püppchen draußen besser schlafen kann. Außer auf den Kieselwegen natürlich, da flattern ihre Augen nämlich immer auf und zu.

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Und das ferngesteuerte Auto meines großen Vorschulkindes muss natürlich die Straßen unsicher machen. So wird die Geschwindigkeit ausgiebig ausgetestet und einige Beinah-Unfälle ausgelöst. Gut, dass er auch immer eine Tankstelle am Wegesrand entdeckt.

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Da meine Kinder noch nicht selbständig alleine unterwegs sind, liegt es an meinem Mann und mir, ob wir Ausflüge in die Natur fördern oder nicht. Diese Chance der Prägung liegt an uns und was wir daraus machen. Unsere Gewohnheiten, Prioritäten und der Lebensstil geben den Kiddis im Moment noch Orientierung und Halt. Diese Prägung hat Einfluss auf alle Bereiche des Lebens. So zum Beispiel auch auf den Umgang mit Medien, womit ich mich schon im letzten Blogeintrag auseinander gesetzt habe. Mich hat dabei sehr beeindruckt, welche Wege einige von euch finden um den Medienkonsum zu hinterfragen und zu bremsen. Ich hab mich sehr über eure Kommentare gefreut, zeigen sie doch wie hochaktuell dieses Thema ist. Gewohnheiten zu reflektieren und zu hinterfragen, ist hierbei extrem wichtig. Es ist alles andere als einfach und erfordert Mut, Einsicht und Eigeninitiative. Wenn Millionen von Menschen an der Nadel hängen am Smartphone kleben, dann ist dieser Umgang gesellschaftlich akzeptiert. Warum sollte ich dann meinen Medienkonsum reflektieren und womöglich ändern? Eigentlich kenne ich die Antwort ganz genau, verdränge sie aber im Alltag: Um meine Lebensqualität zu erhöhen. So häufig beklage ich meine wenige Zeit. Dabei ist die digitale Welt mein größter Zeitfresser und gleichzeitig ein enormer Stress- und Unruhefaktor. Ja, ich finde hier auch Unmengen an Inspirationen und Ideen. Ja, hier sind so viele tolle Blogs, die ich gerne lese. Aber wann ist zuviel des Guten einfach zuviel?

Die moderne Technik ist in vielerlei Hinsicht so hilfreich aber wenn sie zu meinem Götzen wird, bekomme ich ein Problem. Und nicht nur ich: auch meine Kinder, mein Partner und die wichtigsten Menschen aus meinem Umfeld. Häufig heißt es: „Ach, die Jugend! Wo das alles noch hinführt! Die haben ja schon in der 1. Klasse alle ein Smartphone, wenn nicht sogar ein Tablett!“. Ich dagegen denke, dass es auch an uns Eltern liegt, wohin die Kids heutzutage steuern. Wenn meine Kinder sehen, dass ein bestimmtes Medium meine ganze Aufmerksamkeit erhält, meine ständige Begleitung ist, ja dann ist es doch kein Wunder, wenn mein Kind spätestens zum 6. Geburtstag auch eins haben möchte. Denn irgendwas hat dieses Ding ja, das extrem spannend und interessant ist. Irgendwas muss doch daran so besonders sein, wenn Mama oder Papa sich im Gespräch davon freiwillig unterbrechen lassen.

Wie schaffe ich also meine Kinder zu einem guten und gesunden Umgang mit Medien zu verhelfen? Reicht es, wenn sie bestimmte Online-Zeiten haben dürfen? Auch wenn es leichter ist Regeln aufzustellen, ist doch der entscheidendste Punkt: das Vorbild der Eltern. Dafür muss ich aber erst einmal mein Konsum hinterfragen. Hilfreich sind dabei die eigenen Erfahrungen und Erkenntnisse am Ende des Tages aufzuschreiben oder zu reflektieren:

– Wie häufig benutzte ich das Smartphone aus Langweile und Ablenkung?

– Welche Auswirkung hatte es auf meine Stimmung und die Atmosphäre zuhause?

– Wie würde Jesus mit dem Handy umgehen?

– Wie häufig wurden Gespräche oder besondere Momente damit unterbrochen?

– Wie häufig habe ich es bewusst auf Seite gelegt?

Der nächste Schritt kann dann schon etwas praktischer sein. Es geht dabei sich Strategien auszudenken, wie man sich und seine Lieben schützt.

– Brauche ich einen Vertrag mit begrenzter Onlinezeit?

– Hat mein Medium zuhause einen festen Platz? So wie ein Staubsauger, der nach dem Gebrauch zurück gestellt wird. Oder trage ich es immer mit mir und lege es neben meinen Teller als würde es ein Teil des Bestecks sein?

– Sind feste Online-Zeiten hilfreich?

– Muss ich vielleicht ein paar Apps löschen, die mich zu sehr einnehmen?

Wenn einem der Medienkonsum überhaupt nicht nervt, dann kann man es lassen. Wenn aber da doch ein Fünkchen Unzufriedenheit über die momentane Situation im Herzen ist und es sich irgendwie nicht richtig anfühlt, würde ich auf jeden Fall kleine große Schritte gehen. Auch wenn ringsherum alle angefixt sind, muss man nicht immer mit dem Strom schwimmen. Das Leben ist so viel bunter und größer und die Echtzeit so viel entscheidender. Meine liebsten Menschen um mich herum sollen nicht um meine Aufmerksamkeit konkurrieren müssen. Meine Kinder sollen wissen:

„Meine Familienmitglieder sind nicht: Papa & Internet, Mama & Internet und mein Geschwisterchen. Nein, wir sind vollständig und glücklich auch ohne Smartphone und Co. Unsere Familie nutzt zwar die modernen Medien. Aber sie sind lediglich Instrumente und keine Familienmitglieder“.

 

 

 

Kein WhatsApp- ein Selbstversuch

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Oktober 2014. Es ist Yom Kippur und meine jüdischen Freunde fasten an diesem Tag. Auch ich möchte diesen Versöhnungstag besonders verbringen und entscheide mich daher die nächsten 24 Stunden mein Smartphone zu ignorieren. Kein Pinterest, kein Blog, kein Whatsapp. Wäre ja gelacht, wenn das zu einem Problem würde. Diesen bewussten Tag verbringe ich mit meiner Familie in der Natur und die Zeit vergeht wie im Flug. Als wir die Kinder am Abend ins Bett bringen, schiele ich auf mein Handy. Da sind so viele Whatsapp-Nachrichten, die von mir gelesen werden wollen. Ich vergesse bzw. verdränge das Offline-Fasten und lese die Mitteilungen durch. Danach rollen Tränen über mein Gesicht. Sie hören nicht auf, denn ich erfahre schmerzhaft, wie sehr ich an meinem Smartphone hänge.

Es ist keine einfache Entscheidung. Nein, sie ist hart und kostet mich viel. Denn wie soll ich meiner Familie und meinen Freunden erklären, dass ich freiwillig Whatsapp verlassen möchte. Wie kann ich mich von dem Familienchat abmelden, der sowas wie ein digitaler Treffpunkt meiner liebsten Menschen ist. Hier erzählen wir uns die neusten Entwicklungschritte unserer Babys, schauen und kommentieren Fotos und Videos, die unseren Alltag dokumentieren und besprechen Termine für das nächste Treffen. Gerade in einer Familie, die über die Grenzen Deutschlands hinweg verstreut ist, ist so ein Medium unglaublich praktisch. Mit meinen Mädels tausche ich mich über Rezepte und Diäten aus, wir fotografieren unsere neusten Kleidungsstücke oder ermutigen uns mir einer liebevollen Nachricht. Wie um Himmels-Willen kann ich einfach so diese virtuelle Community verlassen? Ich erkläre meinen Entschluss meiner Familie und einer Freundin. Ihre Reaktionen ermutigen mich.

Ich mache Nägel mit Köpfen, denn ich verstehe wie wichtig mir eine Auszeit ist. Ich will und brauche wieder mehr Echtzeit. Wie häufig erwischte ich mich dabei, dass ich mit meinen Kindern spielte aber währenddessen mit Freundinnen schrieb. Wie häufig schrieb ich mit meiner Freundin, anstatt mit ihr zu telefonieren. So viel Zeit ging da drauf. Dieser Nachrichtendienst war auf der einen Seite ein Segen und auf der anderen Seite ein Fluch. Ich brauchte Distanz, weniger Informationen, mehr Realität und wieder Privatsphäre.

Von einem Tag auf den anderen änderte sich mein Alltag grundlegend. Hatte ich früher an einem Tag mindestens 20 Whatsapp- Nachrichten erhalten, bekomme ich jetzt durchschnittlich 10 SMS pro Woche. Zu den meisten Menschen mit denen ich sonst regelmäßig schrieb, hab ich heute fast keinen Kontakt mehr. Liegt es vielleicht einfach nur daran, dass Whatsapp kostenlos ist und damit Freundschaften leichter und bequemer gepflegt werden können? Nicht alle können meinen Schritt nachvollziehen und sind etwas verwirrt. Schließlich ist dieser Nachrichtendienst doch so praktisch und so lange man es nicht übertreibt total hilfreich.

Eine Woche nachdem ich die App gelöscht habe, sitze ich in einem kleinen kahlen Raum im Asylheim. Eine Afghanin ist mit ihren beiden Kindern hier eingezogen und ich bringe ihnen Lebensmittel und Klamotten. Als ich erfahre, dass sie auf der Suche nach einem gebrauchten Smartphone ist, damit sie mit ihren Verwandten im Ausland telefonieren kann, schenke ich ihr mein Smartphone. Sie versteht die Welt nicht mehr, lässt sich auf den Stuhl fallen und fängt an zu weinen.

Und ich. Ich nehme mir ein altes Nokia Handy von meinem Vater, womit ich noch nicht mal Fotos machen kann und freue mich über dieses einfache Ding.

Januar 2016. Bald sind es 1 ½ Jahre, dass ich kein Whatsapp habe. Vor einem halben Jahr habe ich ein altes Smartphone geschenkt bekommen. Vielleicht melde ich mich also irgendwann wieder an, vielleicht aber auch nicht. Ich bin da frei. Im Moment fühlt es sich so gut an, wie es ist. Ich bin nicht ständig erreichbar und mein Handy ist für mich wieder ein ganz normales Telefon geworden. Heute kann ich mit meinen Kindern spielen ohne zwischendurch mal aufs Handy zu gucken. Ich kann mich auf sie besser fokussieren und ihnen zuhören. Und sie lernen, dass ihrer Mama das Handy nicht mehr heilig ist. Mit meinem Mann kann ich wieder quatschen ohne von einem bestimmten Pfeifton unterbrochen zu werden. Mein Liebster hat ein altes Handy, das es heute so glaub ich nicht mehr zu kaufen gibt. Selbst wenn er es mal verliert, würde es keiner klauen wollen.

Kein WhatsApp. Für diese neue Freiheit bezahle ich einen Preis, der mir davor gar nicht bewusst war. Denn ab und zu bin ich jetzt Außen vor. Ich erfahre von Dingen als Letzte. Ich bin nicht mehr up to date. Mein Freundeskreis ist kleiner geworden. Mein Leben scheinbar isolierter. Und ich sehe nicht mehr so häufig die vielen schönen Fotos und Videos meiner lieben Neffen und Nichten. Es tut mir in meinem Herzen weh und allein wegen ihnen, würde ich mich wieder anmelden.

Doch was heißt es dann wieder praktisch für meinen Alltag und den meiner Familie?

Eine Extra Portion Mut, bitte

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Hin und wieder mache ich einen kleinen Ausflug in eine andere Welt. Etwa einmal im Monat, wenn ich neue Bücher brauche oder wenn ich einen Termin bei meinem Prof habe. Ich brauche eigentlich nur eine halbe Stunde dahin, doch ist die gefühlte Distanz zwischen Zuhause und Uni viel weiter.

Vor ein paar Jahren war es noch anders. Unsere erste gemeinsame Wohnung war in Uni-Nähe und wir verbrachten viel Zeit in den Instituten, den Vorlesungsräumen und in der alten Bibliothek. Mein Mann und ich trafen uns dann häufig auf einen Kaffee zwischen den Veranstaltungen und lernten gemeinsam für die anstehenden Prüfungen. Unser erstes Baby besuchte in der Trage sämtliche Sportseminare, historische Exkursionen und Vorlesungen, die sich mit der englischen Literatur auseinandersetzten. Als ich dann schließlich bei einer feierlichen Veranstaltung die Urkunde meines Abschlusses verliehen bekam, saß mein Sohn auf dem Schoß seines Papas in den ersten Reihen und unsere Tochter wuchs fleißig in meinem Bauch.

Drei Jahre später bin ich immer noch immatrikuliert. Irgendwie ging es für mich weiter. In diesen Jahren, hab ich mich immer mal wieder abends hingesetzt, um an meiner Arbeit weiter zu schreiben. Müde, gähnend, erschöpft. Denn tagsüber war ich Ehefrau, Mutter und Hausfrau. Wenn die Kinder eingeschlafen waren, legte ich die Strampler, Windeln und Spielzeuge auf Seite und holte meine Bücher raus.

Nun möchte ich dieses Projekt im Sommer beenden. Werde ich es schaffen oder war all die Arbeit umsonst? Keine Ahnung. Es kommen große Zweifeln und Sorgen auf.

Die Ausflüge in diese andere Welt, werden in den kommenden Wochen immer häufiger. Denn in der Endphase stehen viele Termine an. Und wer weiß, vielleicht fühlt sich die Distanz bald kürzer an. Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich ganz viel Kraft, Mut und Gnade brauche. Und diese bitte in übernatürlichen Mengen, denn mir schlottern die Knie und das Herz rast schneller, wenn ich an die anstehenden Aufgaben denke.

nur noch die wichtigen Dinge

„I shall simplify,
From this day forward,
I seek to reduce,
Take all I do not need,
And give it
Away.
I will whittle down
And let what I lose
Bring smiles
To those that receive it
New.
Too often we are buried
In the excess we
Never needed,
Too often
We believe that the more
We own, the happier
We’ll become.
Too often
We are
Wrong.“

Tyler Knott Gregson